SEO / SEED
Bei dem Begriff der „kognitiven Beeinträchtigung“ denken wir zunächst an eine verzögerte Entwicklung der geistigen (bzw. intellektuellen) Leistungsfähigkeit (Denken, Lernen, Erinnern, Konzentrieren, Planen, …).
Eine intellektuelle Entwicklungsstörung betrifft allerdings nicht nur die rein kognitive Ebene, auch im Bereich der (sozio-)emotionalen Entwicklung besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese verzögert oder unvollständig ablaufen kann.
Durch mangelnde Berücksichtigung oder Fehleinschätzung des emotionalen Entwicklungsstandes in der Begleitung von Menschen mit Behinderung können jedoch Überforderungs- und Stresssituationen begünstigt werden.
Nicht selten entstehen hieraus herausfordernde Situationen mit fremd-, selbst- oder sachbeschädigenden Handlungen, sowie zu Rückzug oder Regelverstößen. Eine erhöhte Vulnerabilität für psychische Störungen kann zudem die Folge sein.
„Herausfordernde Verhaltensweisen“ können teilweise auch als Ausdruck einer gestörten Kommunikation zu verstehen sein, nämlich dann, wenn der Empfänger nicht in der Lage ist, die Signale des Senders richtig zu interpretieren. Bedürfnisse können übersehen oder falsch verstanden werden und somit unbefriedigt bleiben.
Mit dem Instrument der „SEED“ (Skala der Emotionalen Entwicklung – Diagnostik) wurde basierend auf dem „SEO Konzept“ (Schema der emotionalen Entwicklung, nach Prof. Dr. A. Došen) eine Methode entwickelt, den emotionalen Entwicklungsstand zu erheben, die Grundbedürfnisse einer Person (besser) zu verstehen und somit (päd-)agogische und therapeutische Konzepte entsprechend den ermittelten emotionalen Bedürfnissen anzupassen.
Wie der Verein LmBO mit diesen Methoden erfolgreich arbeitet und welche Verbesserungen dies für die betreuten Menschen mit Behinderung bedeutet, darüber informierte Kathrin Kron, Mitarbeiterin des Vereins, bei einem spannenden und sehr informativen Vortrag.

„Das Konzept SEO/SEED ist ein Meilenstein in der Behindertenhilfe und führte zu einem Paradigmenwechsel“ eröffnete Kathrin Kron ihren Vortrag und berichtete, dass zum einen dadurch in Einzelfällen entsprechende Medikamente reduziert oder sogar ganz abgesetzt werden konnten, wie es die Fallstudien der St. Lukas Klinik der Stiftung Liebenau belegen.
Zum anderen kann dies für die Menschen mit Behinderung einen deutlichen Zuwachs an Lebensqualität, Wohlbefinden und Zufriedenheit bedeuten. Genau das, was Teilhabe bewirken sollen.
Zunächst erläuterte Kathrin Kron die Anatomie des menschlichen Gehirns und seiner Funktionen. Emotionen werden in einem eigenständigen neuronalen System verarbeitet, das sich teils unabhängig von dem der Kognition entwickelt. Zwar stehen Entwicklungsprozesse im stetigen Dialog, die verschiedenen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten entwickeln sich jedoch teils unabhängig voneinander und können verzögert oder unvollständig reifen.
Das SEO Modell differenziert mehrere Entwicklungsphasen, die jeweils durch charakteristische emotionale und soziale Bedürfnisse, Verhaltensmuster und Kompetenzen gekennzeichnet sind. Diese Phasen reichen von basalen Bedürfnissen nach körperlichem Wohlbefinden und Sicherheit bis hin zu komplexeren Aspekten wie Autonomie, Zugehörigkeit und Anerkennung.
Wird die Entwicklungsphase nicht berücksichtigt und bleiben die dazugehörigen Grundbedürfnisse unbekannt, so resultiert daraus, dass Menschen mit Behinderungen oft in ihren Möglichkeiten überschätzt werden. Vorschnell kommt es dann zu Fehlinterpretationen, dass es der Person „einfach am ernsthaften Willen mangle“ oder sie mit ihrem auffälligen Verhalten „nur die Aufmerksamkeit anderer erreichen wolle“.
Das international anerkannte SEO- Modell des niederländischen Psychiaters Anton Došen (1939–2023) fand durch die Übersetzung und Weiterentwicklung der europäischen Arbeitsgruppe (NEED – Network of Europeans on emotional Development) seine Weiterführung in der SEED, der Skala der Emotionalen Entwicklung Diagnostik. Dieses Verfahren kann hilfreich sein, den emotionalen Entwicklungsstand einer Person zu erheben und damit die vorliegenden Grundbedürfnisse dieser Person (noch besser) zu verstehen. Ziel ist dabei eine passgenaue Förderung hin zu einer stärkenbasierten Entwicklungsbegleitung.
Die Diagnostik erfolgt anhand eines standardisierten Interviewleitfadens, der sich auf acht emotionale Teilbereiche der sechs Entwicklungsphasen bezieht.
Wesentlich mitbeteiligt an der Entwicklung der SEED war unter anderem die Medizinerin Frau Prof. Dr. med. Tanja Sappok, deutschlandweit die erste Professorin im Bereich Medizin für Menschen mit Behinderung, Schwerpunkt psychische Gesundheit und bis heute Mitglied der NEED-Gruppe.
SEED steht somit beispielhaft für das moderne Verständnis der Behindertenhilfe: „Wir entwickeln einen noch achtsameren Blick auf die Menschen, die durch den Verein betreut werden“, so Kron. „Der entwicklungs-, und daraus resultierend, bedürfnisorientierte Blick gibt uns die Möglichkeit, die individuelle Assistenz noch besser anzupassen.“ Dieser Blick sei geprägt von Respekt und professioneller Fachlichkeit und setzt Maßstäbe in der Qualitätssicherung.
